Pressereaktionen auf Internetzensur

Spiegel-Online hat einen sehr guten Artikel über die Internet-Sperrlisten gebracht, den ich nur jedem empfehlen kann: BKA filtert das Web

Der Kommentar von Christoph Grabenheinrich auf Tagesschau.de dagegen klingt eher nach oberflächlicher Recherche … z.B. allein der Einsteig in seine Argumentation:

Bis zu 450.000 Klicks täglich – allein in Deutschland! Diese Zahl an sich ist bereits erschreckend. Bedenkt man was da im Schutz der Privatsphäre angeschaut wird, muss jedem normalen Menschen speiübel werden. Babys werden vor laufenden Kameras vergewaltigt. Mit ihrem Leid werden Millionen verdient.

  1. “450.000 Klicks in Deutschland täglich” … diese Zahl wurde ohne Nachfrage aus dem Pressetext der Regierung übernommen. Spiegel-Online sagt, die Zahlen sind eine reine proportionalen Hochrechnung der in Skandinavien beobachteten Zugriffe auf gesperrte Seiten.
  2. “450.000 Klicks” sind nicht 450.000 Nutzer … wie wurde das gemessen?!? Wenn ich z.B. tagesschau.de lese gebe ich auch bestimmt mehr als einen Klick. Und gerade Seiten mit Fotos sind reine Klickmagneten. Die Zahl ist also völlig aussagelos und rein dramatisierend.
  3. Der Text suggeriert, dass alle diese Klicks auf Material führt wo “Babys vergewaltigt werden” … ich kenne das Material zum Glück nicht … aber der Begriff Kind beschreibt ein Alter bis 14 Jahre. Immernoch nicht duldbar, aber ich will nur zeigen, dass der Autor die höchstmöglichen Zahlen neben die grösstmögliche Perversion stellt und damit das Realitätsbild im maximalsten Sinne verzerrt.

Für einen Journalisten traurig. Viel manipulativer kann man in ein solch emotionales Thema nicht einsteigen. Auch wenn es sich hier um einen Kommentar handelt … bin ich mehr Professionalität für meine GEZ-Gebühren gewöhnt.

Weiter schreibt er …

Sollte auch nur ein Kind weniger missbraucht, gequält und lebenslänglich seelisch verkrüppelt werden, hat sich die Initiative bereits gelohnt.

Jeder weiss, dass ein Kind, das missbraucht wurde, ein Kind zuviel ist. Aber mit so einer “Floskel” kann man alles begründen. Christoph Grabenheinrich schafft es nicht eine Abwägung zu machen. Er schwingt in seinem Artikel die emotionale Keule und verschweigt, was damit noch alles als “Collateral Schaden” mit erschlagen wird. Nach dem Motto der Zweck heiligt die Mittel.

Herr Grabenheinrich, haben sie sich wirklich mit dem Thema beschäftigt? Haben Sie auch die Alternative zu Internet-Sperren geprüft? Ihre Hausaufgaben gemacht?

Für mich entsteht der Eindruck, als ob sie es nicht geschafft haben, genügend emotionalen Abstand zu dem Thema zu entwickeln, wie es sich normalerweise gegenüber Ihrem Berufsstand gebührt. Sie können ja gerne für die Internet-Sperren sein … aber bitte liefern sie Argumente und keine unreflektierte Wiederholung der Pressetexte von Frau von der Leyen.

Weitere Links auf Pressereaktionen auf netzpolitik.org

Zum Abschluss nochmal der letzte Absatz aus dem fachlich brillianten ct-Artikel “Verschleierungstaktik – Die Argumente für Kinderporno-Sperren laufen ins Leere“:

Längst wurden sogar Forderungen laut, nach denen auf die [Sperr-]Liste auch gewaltverherrlichende Inhalte und Glücksspielangebote gehören. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch radikale politische Aussagen ausgeblendet werden sollen. Dann fehlt nur noch ein Gesetz, das jedes Umgehen der technischen Sperre unter Strafe stellt, und die Machthabenden hätten ein perfektes Zensurwerkzeug.